Gemeindegeschichte |
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Die Anfänge der Evangelischen Kirchengemeinde
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...Scherlebeck |
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Die "prüßken Dickköppe"
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Nach Disteln kommen, war nicht schwer - in Disteln leben aber sehr. Ja, so hätten unsere evangelischen Vorfahren und Väter, als sie nach Disteln kamen, sagen können. Sie kamen aus der Grafschaft Mark, aus Bochum, Dortmund und aus der Gegend von Unna. Sie kamen also nicht von weit her, aber sie kamen in eine andere Welt. Nicht, dass der Bergbau ihnen fremd war, aber die katholische Umwelt. Sie hatten noch nicht als Minderheit leben müssen. |
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Schachtanlage I/II der Hibernia-Zeche Schlägel&Eisen in Disteln. 1940 wurde der Tagesbetrieb dort eingestellt. Das Foto wurde 1926 nach weiterer Modernisierung aufgenommen. |
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Entwicklung der Gemeinde 1898 bis 1907 |
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So gut wie abgeschnitten
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Im Februar 1900 wurde die erste evangelische Volksschule im Ort errichtet. Sofort erwachte der Gedanke, nun auch eine eigene Kirchengemeinde zu errichten. Aber zunächst musste die Gemeinde gesammelt werden. Darum ergriff Pastor Bülow die Initiative, in Disteln selbst Hauptgottesdienste zu halten. Er schreibt dazu: „Die erste Maßnahme, die Leute zu sammeln und sie mit Religion und Kirche in regelmäßige Berührung zu bringen, bestand in der Einrichtung eines sonntäglichen Hauptgottesdienstes im Bezirk selber. Zur Abhaltung desselben wählte man vorläufig ein noch leerstehendes Klassenzimmer der neuen ev. Schule zu Disteln. Am 25. Juni 1900 (am 2. S. n. Trin.) wurde in dem mit einem Harmonium, einem Katheder und etwa 150 Stühlen ausgestatteten Raum der erste Gottesdienst im Außenbezirk abgehalten. Aber er fand leider auf die Dauer keine allzu starke Beteiligung, aus mancherlei Gründen. Vor allem nahmen manche Anstoß an dem kahlen, nüchternen Schulraum, der ihnen gegen die gemütliche Kirche der Muttergemeinde in Recklinghausen, besonders aber gegen die stattliche neue Kirche im benachbarten Herten zu sehr abfiel. Außerdem war es im wesentlichen zuerst nur das kleinere (Unter-)Disteln mit seinen 500 Seelen, welches die Kirchenbesucher stellte, während das größere Langenbochum das Lokal viel zu weit fand und sich lieber nach dem ebenso nahegelegenen Herten hielt, wo zudem die stattliche Kirche winkte. Der dritte Ort, Scherlebeck, kam vorläufig noch nicht in Betracht; er war erst noch im Entstehen begriffen und entbehrte zudem noch ausgebauter Verkehrsstraßen, so dass er bei ungünstiger Witterung von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten war. |
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Fussmarsch: Um der schlechten Wegeverhältnisse willen machte Pastor Bülow seine weiten Fußmärsche über die Feldwege in Stiefeln. Am Gottesdienstort standen für ihn ein paar "gute Schuhe" bereit, gewissermassen "Amtstrachten-Schuhe". |
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Abbildung einer Ansichtskarte aus der Zeit um 1900 |
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Zwei rechts - zwei links
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Als gelte es, ein buntes Strickmuster zu zeichnen, machten sich um 1900, als die Hibernia den dritten Doppelschacht abteufte, die Kolonieplaner ans Werk. Zwei rechts - zwei links, zwei rechts - zwei links ... Mit zehn verschiedenen Haustypen mischten sie eine Bergarbeitersiedlung zusammen, die keinen trostlosen Koloniecharakter tragen sollte. Sie galt sogleich als eine Mustersiedlung, nicht nur um der bunten Haustypen, sondern vor allem um ihrer Großzügigkeit willen. Für damalige Verhältnisse einmalig, schufen sie breite Alleen und ließen reichlich Platz für Hof und Garten. Eine Kolonie im Grünen, die verehrten Persönlichkeiten gewidmet wurde, natürlich auch dem Kaiser, aber auch dem Bergwerksdirektor Behrens und seiner Frau Gertrude und seinen Kindern, Wolfgang, Helene, Ilse und Karl-Hermann. |
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Sonntagsblatt: In den ersten Jahren der Kirchengemeinde gab Pastor Bülow ausführliche Berichte in dem "Sonntagsblatt für die ev. Gemeinde Recklinghausen", aus dem folgender Beitrag genommen ist, der zum 09.02.1902 erschien. |
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Kindergarten Getrudenstraße, erste Gottesdienststätte der Gemeinde. 1965 und 1968 Umbau, Anbau, Dach- und Turmerneuerung. |
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Wer keine Sorgen hat, braucht nur zu bauen
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Kaum dass die Kirchengemeinde selbständig und der Wunsch nach einer eigenen Kirche laut geworden war, meldeten sich viele Architekten und boten ihre Dienste an. Um zu sparen, entschloss man sich aber, keinen Wettbewerb auszuschreiben, sondern die besten und erfahrensten Baumeister anzuhören und Kirchenneubauten in der Nähe und Ferne zu besichtigen. Das Presbyterium - durch eine Kirchbaukommission erweitert - war einstimmig von den Kirchen begeistert, die nach der Idee des Wiesbadener Programms erstellt waren. Im Wiesbadener Programm verlässt man die Konzeption der Hallenkirche und baut um den Altar herum, so entsteht ein "Zentralbau". Diese Idee wird noch heute für gut erachtet, nicht aber der Baustil an sich, der bewusst "sakral" wirken sollte und mit gotischen Elementen und reichlichem Zierrat ausgestattet wurde. |
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Kirche und Pfarrhaus zu Scherlebeck 1906/07 Links: Alte Apotheke - Kirchturm von St.Joseph |
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Saure Wochen, frohe Feste
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Es ist erstaunlich mit welcher Gelassenheit Pfarrer Bülow diese Verschuldung seiner Gemeinde in seine Verantwortung genommen hat. Er war in allem peinlich genau, seine Sparsamkeit unübertrefflich. So hätte er keine private Notiz mit einem gemeindeeigenen Bleistift getätigt, erzählte einer seiner Hilfsprediger. Aber er hatte dennoch den Mut, diese Kirche so zu erbauen, wie sie nach damaliger Vorstellung zweckmäßig und schön erschien. Zwar bedeutete dieser Bau entbehrungsreiche Zeiten, die durch Krieg und Kriegsfolgen noch schwerer werden sollten, als vorauszusehen war, dennoch konnten unsere Väter die Sorgen beiseiteschieben und sich herzlich über die Kirche freuen. |
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Festordnung |
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Helm ab, aber nicht zum Gebet!
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Als deutsche Panzer rückflutend durchs Revier kamen, hielten sich auch einige in Scherlebeck auf, einer dieser Panzer soll dem Ort zum Verhängnis geworden sein, obwohl er verlassen in einer Straße stand. Amerikanische Aufklärungsflugzeuge („Grasshoppers") sollen deswegen einen Panzerangriff der nachrückenden Amerikaner auf Scherlebeck gelenkt haben. Unter diesem Beschuss litt auch der Turm der Gustav-Adolf-Kirche. Der Helm stürzte ab und fiel auf das Kirchenschiff, dasselbe stark zerstörend. Das Gerücht, man habe im Kirchturm einen Beobachtungsstand vermutet, oder ein solcher sei sogar dort oben tätig gewesen, ließen sich nicht bestätigen. Die Kirche hatte schon vorher starke Macken bekommen. So heißt es im Protokollbuch als eine der letzten Eintragungen des Vorsitzenden, Pfarrer Vornholt, „5. Oktober 1942: Zum Eingang gab der Vorsitzende bekannt, dass die durch Feindeinwirkung beschädigten Kirchenfenster vorerst mit Brettern zugenagelt werden müssen, vor allem das große Fenster zur Westfront und der Nordseite". Zwei Jahre später, genau am 9. November, erlitt Herten einen - für damalige „Verhältnisse" - mittelschweren Luftangriff. In Scherlebeck selbst fielen 79 Bomben, eine davon in die Fördermaschine. Auch ein Kühlturm von Schlägel und Eisen wurde zerstört. Viele Menschen waren obdachlos. Am 30. November ruft Pfarrer Pohlmann das Presbyterium zusammen, um die Aufforderung des Ortsgruppenleiters, das Pfarrhaus an Obdachlose zu vermieten, zu besprechen und die Mietverträge zu beschließen. Als er das Presbyterium gut ein halbes Jahr später wieder zusammenrief, lagen angstvolle, notreiche und doch nicht trostlose Monate hinter allen. Zwar wollte kaum einer glauben, dass es aus diesem höllischen Zusammenbruch noch einmal einen Aufstieg zu glücklichen Zeiten geben könnte. Das Wrack der einst so stolzen Gustav-Adolf-Kirche war zum Sinnbild der Zeit geworden. Immerhin waren inzwischen bereits viele „ehemalige" Gemeindeglieder aus dem furchtbaren Traum erwacht, in den sie die NS-Zeit gebracht hatte, und bewarben sich um Wiederaufnahme in die Gemeinde. Man beschloss, den Bewerbern eine Bewährungsfrist von drei Monaten zu geben. Für manche wurde dieser „Rücktritt" zu einem echten Neuanfang. |
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Pastor Bülow und Frau Oktober 1938 |
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Gibst du mir - geb ich dir
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Die Christvesper 1947 wurde übrigens schon in der Gustav-Adolf-Kirche gefeiert; denn sie hatte wieder ein Dach. Es fehlten allerdings die Fenster und auch die Heizung, auch sonst war sie innen noch sehr beschädigt, aber man hielt durch, wenigstens an diesem Tage der Christgeburt. Das Dach war, wie eben gesagt, wieder fertig. Wie war dies möglich? Eines Tages war ein Zimmermann zu Pastor Neuhaus gekommen und hatte sich ihm angeboten: „Ich komme mit fünf Leuten und mache das Dach der Kirche wieder fertig, wenn Sie mir hundert Zentner Kohlen besorgen und meine Leute bei Ihnen Mittagessen bekommen." Das war wohl „billig", aber für einen Habenichts dennoch zu viel. Und außerdem nützten die Dachbalken nichts, wenn keine Dachziegel drauf kamen. Dennoch sagte Pastor Neuhaus zu diesem Angebot ja. |
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Gustav-Adolf-Kirche nach dem Wiederaufbau und Umbau des Konfirmandensaales (Aufnahme aus dem Jahre 1965) |
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Ein guter Pastor kennt auch seine Pappenheimer
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Von Pfingsten 1948 bis zum Weihnachtsfest ging die Instandsetzung der Kirche in dieser Weise und mit viel Hilfe der Gemeindeglieder weiter. Seit Pfingsten wurde der Gottesdienst bereits wieder im Konfirmandensaal der Kirche abgehalten, doch sollte kein zweites Weihnachtsfest so kalt und trostlos im Kirchenraum gefeiert werden wie im Vorjahre. Man brauchte mindestens Fenster und eine ausreichende Heizung. Beides kam rechtzeitig zustande. Freilich fehlte noch die Beleuchtung, aber die braucht man Weihnachten ohnehin nicht. Erst ein Jahr später war auch die Stromversorgung und die entsprechende Lichtanlage im Kirchenraum geschafft. Doch beleuchteten die recht trüben Birnen verschmutzte Wände und Decken, bis sich ein Gönner fand, dessen Töchterchen 1953 eingesegnet werden sollte. Er erbarmte sich seiner Tochter, indem er sich der schmutzigen Kirchenwände erbarmte. Und so erstand die Gustav-Adolf-Kirche in den Augen der Gemeindeglieder wie ein Phönix aus der Asche. Es war alles wieder in Ordnung, wenn man die Blicke zum Altar richtete und nicht auf die Turmspitze oder auf die Außenfassade, deren Kriegswunden nur notdürftig verheilt waren. |
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