Gemeindegeschichte

Die Anfänge der Evangelischen Kirchengemeinde

...Scherlebeck

Lesen Sie hier einige Auszüge aus dem Buch

RÜCKBLICKE
EINBLICKE
AUSBLICKE


Skizzen, Bilder, Dokumente aus der Geschichte der evangelischen Kirchengemeinde Scherlebeck

VORWORT


Es war ein glückhafter Gedanke des Presbyteriums der Kirchengemeinde Scherlebeck, die zurückliegenden 70 Jahre der Gemeindegeschichte in einzelnen anschaulichen Beschreibungen festzuhalten und diese Darstellung aus dem Gemeindeleben mit noch vorhandenem Bildmaterial zu illustrieren.
Ich habe alle einzelnen Abschnitte mit großem Interesse gelesen und wünsche dem Buch in der Gemeinde und darüber hinaus einen möglichst großen Leserkreis. Es schildert nämlich auf besonders originelle Weise, wie es meines Wissens sonst für keinen anderen Gemeindebereich der Fall ist, die Vergangenheit.
Wie schnell werden heute vergangene Lebensabschnitte vergessen, wie rasch wechselt heutzutage in unseren Gemeinden die Bevölkerung. Die Gemeinde Jesu hat aber nicht nur für die Gegenwart konkrete Aufgaben zu erfüllen, sie hat nicht nur für die Zukunft eine lebendige Hoffnung, sie hat auch eine Vergangenheit, die nicht so schnell in Vergessenheit geraten sollte.
Unser Glaube lebt auch heute von den christlichen Lebenserfahrungen vergangener Generationen.
Unsere evangelischen Gemeinden im Kirchenkreis Recklinghausen haben alle nur eine junge Geschichte, sie können nicht auf Jahrhunderte und auf historische Bauwerke zurückblicken; ihre Geschichte ist jedoch, da sie mit der Industrialisierung unseres Landes und unserer Gesellschaft zusammenfällt, von besonderer Bewegtheit.
Aber auch für eine junge Gemeindegeschichte, die heute mitten in einer großen Bewegung durch die Strukturveränderungen unserer Zeit steht, gilt das alte Bibelwort:

"Ich gedenke an die vorigen Zeiten,
ich rede von allen deinen Taten
und sage von den Werken deiner Hände" (Psalm 143)

Superintendent Werner Plumpe

Recklinghausen, den 27. April 1969


Die "prüßken Dickköppe"

Nach Disteln kommen, war nicht schwer - in Disteln leben aber sehr. Ja, so hätten unsere evangelischen Vorfahren und Väter, als sie nach Disteln kamen, sagen können. Sie kamen aus der Grafschaft Mark, aus Bochum, Dortmund und aus der Gegend von Unna. Sie kamen also nicht von weit her, aber sie kamen in eine andere Welt. Nicht, dass der Bergbau ihnen fremd war, aber die katholische Umwelt. Sie hatten noch nicht als Minderheit leben müssen.
Nun waren sie eine Handvoll Evangelischer, angesiedelt in einem kleinen, rein katholischen Bauerndorf. Sie kamen, weil in den achtziger Jahren in Disteln ein Schacht abgeteuft und damit eine neue Zeche in Betrieb genommen worden war. In den Augen der Einheimischen waren sie die „prüßken Dickköppe", wie es Pastor Bülow in einer handgeschriebenen Chronik mitteilt, oder auch die „Luttersken", wie es Bergrat Drissen in der Festschrift „Alt-Schlägel & Eisen" erwähnt. Letzterer erzählt auch, dass den Bauern erst von der Kanzel herab klar gemacht werden musste, „dass der evangelische wie der katholische Christengott derselbe sei". Als Pastor Bülow nach Disteln kam, gehörten jene Begebenheiten schon zu den vergangenen Anekdoten, etwa dass ein Evangelischer nur zu überhöhten Preisen Butter, Eier und Milch kaufen konnte. Inzwischen hatte sich die Minderheit auch erheblich vermehrt. Nicht nur durch natürlichen Zuwachs, sondern durch Zuzug vergrößerte sich um die Jahrhundertwende der evangelische Bevölkerungsanteil. Die Schachtanlage „Schlägel & Eisen" war unrentabel. 1898 ging sie in den Besitz der „Bergwerksgesellschaft Hibernia" über. Damit kam Kapital nach Disteln. Die Anlage wurde nach damaligen Vorstellungen „großartig modernisiert". Zeche und Ortschaft nahmen einen „erfreulichen Aufschwung". Die neue Werksleitung tat dazu das ihrige. Diese Werksleitung bestand zwar nicht aus einer Person, aber sie war in einer Person symbolisiert: in dem Bergassessor Otto Lenz, der von 1898 bis 1932 die Leitung in Händen hielt. Er war ein bewusst evangelischer Mann, der der jungen Gemeinde entscheidend mit Rat und Tat zur Seite stand. Dass wir heute „seine" Villa als „unser Gemeindehaus" besitzen, würde er uns von Herzen gönnen. Damals jedenfalls begann, wie Bülow schreibt, „das evangelische Bewusstsein" zu erwachen.


Schachtanlage I/II der Hibernia-Zeche Schlägel&Eisen in Disteln. 1940 wurde der Tagesbetrieb dort eingestellt. Das Foto wurde 1926 nach weiterer Modernisierung aufgenommen.


Entwicklung der Gemeinde 1898 bis 1907


So gut wie abgeschnitten

Im Februar 1900 wurde die erste evangelische Volksschule im Ort errichtet. Sofort erwachte der Gedanke, nun auch eine eigene Kirchengemeinde zu errichten. Aber zunächst musste die Gemeinde gesammelt werden. Darum ergriff Pastor Bülow die Initiative, in Disteln selbst Hauptgottesdienste zu halten. Er schreibt dazu: „Die erste Maßnahme, die Leute zu sammeln und sie mit Religion und Kirche in regelmäßige Berührung zu bringen, bestand in der Einrichtung eines sonntäglichen Hauptgottesdienstes im Bezirk selber. Zur Abhaltung desselben wählte man vorläufig ein noch leerstehendes Klassenzimmer der neuen ev. Schule zu Disteln. Am 25. Juni 1900 (am 2. S. n. Trin.) wurde in dem mit einem Harmonium, einem Katheder und etwa 150 Stühlen ausgestatteten Raum der erste Gottesdienst im Außenbezirk abgehalten. Aber er fand leider auf die Dauer keine allzu starke Beteiligung, aus mancherlei Gründen. Vor allem nahmen manche Anstoß an dem kahlen, nüchternen Schulraum, der ihnen gegen die gemütliche Kirche der Muttergemeinde in Recklinghausen, besonders aber gegen die stattliche neue Kirche im benachbarten Herten zu sehr abfiel. Außerdem war es im wesentlichen zuerst nur das kleinere (Unter-)Disteln mit seinen 500 Seelen, welches die Kirchenbesucher stellte, während das größere Langenbochum das Lokal viel zu weit fand und sich lieber nach dem ebenso nahegelegenen Herten hielt, wo zudem die stattliche Kirche winkte. Der dritte Ort, Scherlebeck, kam vorläufig noch nicht in Betracht; er war erst noch im Entstehen begriffen und entbehrte zudem noch ausgebauter Verkehrsstraßen, so dass er bei ungünstiger Witterung von der Außenwelt so gut wie abgeschnitten war.
So zeigte sich sehr bald: das gottesdienstliche Lokal lag in dieser äußersten Ecke des Bezirkes inmitten der kleinsten evangelischen Bevölkerung nicht richtig. Es musste in die Mitte der drei Orte, in die Nähe der jüngsten Schachtanlage V-VI nach Scherlebeck gerückt werden, wenn es zu einem wirklichen Sammelpunkt der Evangelischen des ganzen Bezirkes werden sollte. Hier hatte übrigens auch die (Mutter-)Gemeinde Recklinghausen von vorne herein einen Betsaal bauen wollen, aber dann wieder davon Abstand genommen, als die Gesellschaft Hibernia hier die Errichtung einer Kleinkinderschule für die Kinder ihrer Koloniebewohner plante . . ."


Fussmarsch: Um der schlechten Wegeverhältnisse willen machte Pastor Bülow seine weiten Fußmärsche über die Feldwege in Stiefeln. Am Gottesdienstort standen für ihn ein paar "gute Schuhe" bereit, gewissermassen "Amtstrachten-Schuhe".


Abbildung einer Ansichtskarte aus der Zeit um 1900


Zwei rechts - zwei links

Als gelte es, ein buntes Strickmuster zu zeichnen, machten sich um 1900, als die Hibernia den dritten Doppelschacht abteufte, die Kolonieplaner ans Werk. Zwei rechts - zwei links, zwei rechts - zwei links ... Mit zehn verschiedenen Haustypen mischten sie eine Bergarbeitersiedlung zusammen, die keinen trostlosen Koloniecharakter tragen sollte. Sie galt sogleich als eine Mustersiedlung, nicht nur um der bunten Haustypen, sondern vor allem um ihrer Großzügigkeit willen. Für damalige Verhältnisse einmalig, schufen sie breite Alleen und ließen reichlich Platz für Hof und Garten. Eine Kolonie im Grünen, die verehrten Persönlichkeiten gewidmet wurde, natürlich auch dem Kaiser, aber auch dem Bergwerksdirektor Behrens und seiner Frau Gertrude und seinen Kindern, Wolfgang, Helene, Ilse und Karl-Hermann.
Zu einer Kolonie, ob musterhaft oder nicht, gehörten auf jeden Fall eine Schule, ein Kindergarten und eine Polizeistation. Das machte der Gesetzgeber den Koloniegründern jeweils zur Pflicht. Darum entstand 1902 die Kleinkinderschule, die der Kirchengemeinde von großem Nutzen sein sollte. Das Wort „Zweckentfremdung“ kannte man noch nicht. Aus 3 Räumen konnte ein würdiger Gottesdienstraum gemacht werden. Die Zeche hatte sogar ein Türmchen mit Glocke aufs Dach setzen lassen, das bei der Renovierung des Daches im Jahre 1968 fast völlig erneuert wurde, obwohl es nur, ach was, gerade weil es Erinnerungswert besitzt.
Im Hause konnte die Kindergartenleiterin wohnen, und da die Zeche für ihre Sozialeinrichtung eine Diakonisse des Mutterhauses Sarepta einstellte, zog bald auch eine zweite Sarepta-Schwester zu ihr, die sich um die Gemeindepflege zu kümmern hatte. Denn trotz der knappen Geldmittel berief die Kirchengemeinde eine Gemeindeschwester, deren „Leihgebühr“ ein Dreißigstel der heutigen ausmachte. 1937 mussten beide Schwestern das Haus verlassen. NS-Schwestern übernahmen den Kindergarten. Siebeneinhalb Jahre später zogen wieder Sarepta-Schwestern ein. 1964 übereignete uns die Zeche diesen Kindergarten, den wir inzwischen erweitern und modernisieren ließen. 1965 nahmen die Schwestern Elisabeth und Eise von Scherlebeck Abschied. Sarepta konnte nur noch eine Gemeindeschwester entsenden. Darum musste die Pflegestation in der Gertrudenstraße aufgegeben werden.


Sonntagsblatt: In den ersten Jahren der Kirchengemeinde gab Pastor Bülow ausführliche Berichte in dem "Sonntagsblatt für die ev. Gemeinde Recklinghausen", aus dem folgender Beitrag genommen ist, der zum 09.02.1902 erschien.


Kindergarten Getrudenstraße, erste Gottesdienststätte der Gemeinde. 1965 und 1968 Umbau, Anbau, Dach- und Turmerneuerung.


Wer keine Sorgen hat, braucht nur zu bauen

Kaum dass die Kirchengemeinde selbständig und der Wunsch nach einer eigenen Kirche laut geworden war, meldeten sich viele Architekten und boten ihre Dienste an. Um zu sparen, entschloss man sich aber, keinen Wettbewerb auszuschreiben, sondern die besten und erfahrensten Baumeister anzuhören und Kirchenneubauten in der Nähe und Ferne zu besichtigen. Das Presbyterium - durch eine Kirchbaukommission erweitert - war einstimmig von den Kirchen begeistert, die nach der Idee des Wiesbadener Programms erstellt waren. Im Wiesbadener Programm verlässt man die Konzeption der Hallenkirche und baut um den Altar herum, so entsteht ein "Zentralbau". Diese Idee wird noch heute für gut erachtet, nicht aber der Baustil an sich, der bewusst "sakral" wirken sollte und mit gotischen Elementen und reichlichem Zierrat ausgestattet wurde.
Schon während des Baues häuften sich die Sorgen. Der Baugrund war schlecht, die Ausschachtungen, besonders am Turm, waren weitaus umfangreicher als erwartet. Noch während des Baues kamen manche Wünsche hinzu, auch hatten die Architekten recht oberflächlich kalkuliert und eine 10-15prozentige Material- und Lohnerhöhung rundete das Dilemma ab. So stand das Presbyterium am Ende vor einer fast vollendeten Kirche und – fast - vor einer vollendeten Pleite. Statt 109.000 Mark waren rund 175.000 Mark aufzubringen. Über 100.000 Mark mussten als Kirchbauanleihe aufgenommen werden, was nur statthaft war, weil die Hibernia für 12 Jahre die Bürgschaft übernahm. Über 50.000 Mark wurden der Gemeinde durch das Gustav-Adolf-Werk geschenkt, das in Westfalen die sogenannte "Liebesgabe" für Scherlebeck einsammeln ließ. So kamen aus vielen Gemeinden kleine und große Gaben, die größten von Langendreer und Holzwickede. Den Rest brachte die Gemeinde überwiegend durch Haussammlungen auf. So trifft schon damals zu: wer keine Sorgen hat, braucht nur zu bauen, dann hat er welche!
Es sollte übrigens noch Jahre dauern, bis man Geld hatte, um Linoleum in die Gänge zu legen, alle Kirchenbänke aufzustellen und Beleuchtung zu installieren. Anfangs entlieh man sich Acetylenlampen von der Zeche, wenn eine Abendveranstaltung stattfand. Die Anschaffung der Turmuhr wurde immer wieder verschoben, selbst die 1000 Mark für eine "Bedürfnisanstalt" fehlten.


Kirche und Pfarrhaus zu Scherlebeck 1906/07 Links: Alte Apotheke - Kirchturm von St.Joseph


Saure Wochen, frohe Feste

Es ist erstaunlich mit welcher Gelassenheit Pfarrer Bülow diese Verschuldung seiner Gemeinde in seine Verantwortung genommen hat. Er war in allem peinlich genau, seine Sparsamkeit unübertrefflich. So hätte er keine private Notiz mit einem gemeindeeigenen Bleistift getätigt, erzählte einer seiner Hilfsprediger. Aber er hatte dennoch den Mut, diese Kirche so zu erbauen, wie sie nach damaliger Vorstellung zweckmäßig und schön erschien. Zwar bedeutete dieser Bau entbehrungsreiche Zeiten, die durch Krieg und Kriegsfolgen noch schwerer werden sollten, als vorauszusehen war, dennoch konnten unsere Väter die Sorgen beiseiteschieben und sich herzlich über die Kirche freuen.
Die Einweihung war eine festliche Angelegenheit, die mit kaum einer weiteren Zutat überhöht werden könnte. Man stelle sich den Festzug vor, der von dem bisherigen Betsaal zur neuen Kirche führte: Kinderchor, Konfirmanden und Katechumenen, Bergkapelle, drei Arbeiter-Vereine, der gesamte Gemeindebeirat, dann die Lehrerschaft, dann das Presbyterium „mit den heiligen Geräten" und die Kirchenbaukommission, dahinter einige Mädchen mit dem Kirchenschlüssel, dann die Bauleitung und die Bauleute, hinter diesen die kirchlichen und weltlichen Behörden (hohe Herren!), weitere Ehrengäste und ein Schwärm von Talarträgern. Das Bindeglied zwischen dieser langen „Spitze" und der „Gemeinde“ bildeten die Frauen. Welch sinnvolle Rangordnung! Diesen beachtlichen Festzug haben die Teilnehmer als überaus erhebend empfunden.
Die Einweihungsfeierlichkeiten entsprachen unserer heutigen Praxis, nicht aber die zeremonienmeisterhaft gegliederte Sitzordnung in der Kirche, die im Festprogramm genau vorgeschrieben war. Gemeinde und Kinderchor sangen im Wechsel. Alle Lieder und Texte verkündigten das große Lob und den Dank zu Gott. Angesichts dieses Herrn mussten die Sorgen wie Bagatellen erscheinen. Darum wurde die Festtagskollekte nicht für die große Deckungslücke im eigenen Finanzhaushalt eingesammelt, sondern für „die ärmste Gustav-Adolf-Gemeinde der Provinz“. Es gibt, wenn man genau überlegt, immer noch einen Ärmeren, als man es selbst ist. Dieses Fest fand seinen Ausklang mit Festessen und Kaffeetrinken in der Wirtschaft Thiemann, „an der Kirche“, denn 200 Meter waren damals nächste Nachbarschaft.


Festordnung


Helm ab, aber nicht zum Gebet!

Als deutsche Panzer rückflutend durchs Revier kamen, hielten sich auch einige in Scherlebeck auf, einer dieser Panzer soll dem Ort zum Verhängnis geworden sein, obwohl er verlassen in einer Straße stand. Amerikanische Aufklärungsflugzeuge („Grasshoppers") sollen deswegen einen Panzerangriff der nachrückenden Amerikaner auf Scherlebeck gelenkt haben. Unter diesem Beschuss litt auch der Turm der Gustav-Adolf-Kirche. Der Helm stürzte ab und fiel auf das Kirchenschiff, dasselbe stark zerstörend. Das Gerücht, man habe im Kirchturm einen Beobachtungsstand vermutet, oder ein solcher sei sogar dort oben tätig gewesen, ließen sich nicht bestätigen. Die Kirche hatte schon vorher starke Macken bekommen. So heißt es im Protokollbuch als eine der letzten Eintragungen des Vorsitzenden, Pfarrer Vornholt, „5. Oktober 1942: Zum Eingang gab der Vorsitzende bekannt, dass die durch Feindeinwirkung beschädigten Kirchenfenster vorerst mit Brettern zugenagelt werden müssen, vor allem das große Fenster zur Westfront und der Nordseite". Zwei Jahre später, genau am 9. November, erlitt Herten einen - für damalige „Verhältnisse" - mittelschweren Luftangriff. In Scherlebeck selbst fielen 79 Bomben, eine davon in die Fördermaschine. Auch ein Kühlturm von Schlägel und Eisen wurde zerstört. Viele Menschen waren obdachlos. Am 30. November ruft Pfarrer Pohlmann das Presbyterium zusammen, um die Aufforderung des Ortsgruppenleiters, das Pfarrhaus an Obdachlose zu vermieten, zu besprechen und die Mietverträge zu beschließen. Als er das Presbyterium gut ein halbes Jahr später wieder zusammenrief, lagen angstvolle, notreiche und doch nicht trostlose Monate hinter allen. Zwar wollte kaum einer glauben, dass es aus diesem höllischen Zusammenbruch noch einmal einen Aufstieg zu glücklichen Zeiten geben könnte. Das Wrack der einst so stolzen Gustav-Adolf-Kirche war zum Sinnbild der Zeit geworden. Immerhin waren inzwischen bereits viele „ehemalige" Gemeindeglieder aus dem furchtbaren Traum erwacht, in den sie die NS-Zeit gebracht hatte, und bewarben sich um Wiederaufnahme in die Gemeinde. Man beschloss, den Bewerbern eine Bewährungsfrist von drei Monaten zu geben. Für manche wurde dieser „Rücktritt" zu einem echten Neuanfang.


Pastor Bülow und Frau Oktober 1938


Gibst du mir - geb ich dir

Die Christvesper 1947 wurde übrigens schon in der Gustav-Adolf-Kirche gefeiert; denn sie hatte wieder ein Dach. Es fehlten allerdings die Fenster und auch die Heizung, auch sonst war sie innen noch sehr beschädigt, aber man hielt durch, wenigstens an diesem Tage der Christgeburt. Das Dach war, wie eben gesagt, wieder fertig. Wie war dies möglich? Eines Tages war ein Zimmermann zu Pastor Neuhaus gekommen und hatte sich ihm angeboten: „Ich komme mit fünf Leuten und mache das Dach der Kirche wieder fertig, wenn Sie mir hundert Zentner Kohlen besorgen und meine Leute bei Ihnen Mittagessen bekommen." Das war wohl „billig", aber für einen Habenichts dennoch zu viel. Und außerdem nützten die Dachbalken nichts, wenn keine Dachziegel drauf kamen. Dennoch sagte Pastor Neuhaus zu diesem Angebot ja.
Er lief in der Gemeinde herum, ob der eine oder andere Bergmann etwas Kohlen abgeben könnte. In kleinen Mengen kamen zwanzig Zentner zusammen. Vielleicht wären auch die restlichen achtzig noch zusammengekratzt worden, wenn die Zechenleitung davon keinen Wind bekommen hätte (und das konnte ja einfach nicht ausbleiben). Der Bergmann durfte nämlich von seinen Deputaten nichts abgeben. Die Militärregierung hatte dies unter Androhung schwerer Strafen verboten. Was aber dem Bergmann verboten war, konnte die Bergwerksgesellschaft ohne Aufsehen schenken. Sie schenkte die fehlenden Kohlen und damit den größten Teil der „Bezahlung" für den Zimmermann, der das Holz lieferte.
Heute darf man das ja ruhig sagen: auch die Dachziegel kamen zur rechten Zeit und wieder war die Hibernia in Herne der „rettende Engel", indem sie 7000 Dachziegel lieferte. Es halfen freilich noch andere, um das Werk zu vollenden. Wie hätte der selbst hungrige Pastor fünf Zimmerleute wochenlang bewirten können, wenn nicht ein verständnisvoller Herr im Wirtschaftsamt Sonderzuteilung vermittelt hätte? Und außerdem fassten viele Gemeindeglieder tatkräftig selbst mit an, die Trümmer zu entfernen und Handlangerdienste zu tun.


Gustav-Adolf-Kirche nach dem Wiederaufbau und Umbau des Konfirmandensaales (Aufnahme aus dem Jahre 1965)


Ein guter Pastor kennt auch seine Pappenheimer

Von Pfingsten 1948 bis zum Weihnachtsfest ging die Instandsetzung der Kirche in dieser Weise und mit viel Hilfe der Gemeindeglieder weiter. Seit Pfingsten wurde der Gottesdienst bereits wieder im Konfirmandensaal der Kirche abgehalten, doch sollte kein zweites Weihnachtsfest so kalt und trostlos im Kirchenraum gefeiert werden wie im Vorjahre. Man brauchte mindestens Fenster und eine ausreichende Heizung. Beides kam rechtzeitig zustande. Freilich fehlte noch die Beleuchtung, aber die braucht man Weihnachten ohnehin nicht. Erst ein Jahr später war auch die Stromversorgung und die entsprechende Lichtanlage im Kirchenraum geschafft. Doch beleuchteten die recht trüben Birnen verschmutzte Wände und Decken, bis sich ein Gönner fand, dessen Töchterchen 1953 eingesegnet werden sollte. Er erbarmte sich seiner Tochter, indem er sich der schmutzigen Kirchenwände erbarmte. Und so erstand die Gustav-Adolf-Kirche in den Augen der Gemeindeglieder wie ein Phönix aus der Asche. Es war alles wieder in Ordnung, wenn man die Blicke zum Altar richtete und nicht auf die Turmspitze oder auf die Außenfassade, deren Kriegswunden nur notdürftig verheilt waren.
Allerdings war auch im Inneren nicht alles in Ordnung. Äußerlich stand sie zwar da wie eh und je, die Orgel hinter dem Altar, deren Luftbeschwerden aber mehr als Mitleid erwecken musste. Wohl hatte Pastor Neuhaus die Pfeifen „gerettet", sie waren nämlich in der „dachlosen Zeit" gestohlen worden. Ein guter Pastor kennt auch seine Pappenheimer. Ohne die Polizei zu bemühen, ging er - ein Pater Brown - auf die Suche und hatte schnellen Erfolg. Allerdings nutzte es am Ende doch nicht viel. Die Orgel hatte zu stark gelitten, sie musste durch eine neue ersetzt werden.
Nun ging es aber mit dem Anschaffen doch schon besser. Man brauchte nämlich „nur" noch Geld und keine besonderen Beziehungen mehr. Doch 26000 Mark sind ja eine ganz schöne Summe, wenn eine solche Orgel mit 22 Registern heute auch fast viermal so viel kostet. Durch Kirchbaufeste und einen Kirchbauverein wurde dieses Geld gesammelt und gespart und man hörte mit dem Sammeln und Sparen nicht auf, weil neue Aufgaben vor der Tür standen.



(C) 2008 - Alle Rechte vorbehalten

Diese Seite drucken